Lemmy

Lemmy Kilmister: 10 Jahre ohne den Mann, der Motörhead war

Am 28. Dezember 2025 jährt sich der Tod von Lemmy Kilmister zum zehnten Mal – und es gibt diese Augenblicke, die brennen sich ein, ohne dass man sie je wieder loswird. Für mich ist es genau so ein Moment: Wir kamen vom JAK der Donots im Rosenhof in Osnabrück, als sich die Nachricht damals kurz nach Mitternacht verbreitete. Damals waren soziale Netzwerke noch nicht die Dauerbeschallung von heute, Smartphones nicht die Alleskönner, die sie inzwischen sind. Und doch war es, als hätte jemand den Strom ausgeschaltet. Erst Unglaube, dann Stille, dann dieses dumpfe Gefühl, dass etwas Endgültiges passiert ist.

Weil es nicht passte. Weil es zu schnell ging. Und weil ich Lemmy wenige Monate vorher noch auf einer Bühne gesehen hatte, auf der er genau das tat, was er immer tat: geradeaus spielen, ohne Umwege, ohne Theater. Rock’n’Roll in seiner reinsten, kompromisslosen Form.

Die Nachricht, die alles anhielt

Es ist schwer, das heute noch zu erklären, wenn man nicht dabei war. 2015 war „viral“ noch nicht diese automatisierte Maschine, die binnen Sekunden jedes Detail ausspuckt. Die Meldung musste ihren Weg finden – über Freunde, über Posts, über kurze Anrufe, über diese halben Sätze, die man nachts auf einem Parkplatz aufschnappt. Und trotzdem war sie überall. Lemmy Kilmister ist tot. Ein Satz, der sich falsch anfühlte, weil er die Welt plötzlich ohne einen Menschen beschrieb, der für viele wie ein Fixpunkt wirkte.

Vielleicht war es genau das: Lemmy war nicht irgendein Musiker, nicht nur Frontmann, nicht nur Bassist. Er war ein Maßstab. Für Haltung im Sinne von Rückgrat – ohne den Begriff zu bemühen, der heute so oft missbraucht wird. Für eine Art, Musik zu leben, die nichts beschönigt und nichts versteckt. Wenn jemand wie Lemmy geht, dann wirkt es nicht wie ein Kapitelende, sondern wie ein Einschnitt.

Dieser Sonntagabend bei Rock am Ring 2015

Ein knappes halbes Jahr zuvor hatte ich Lemmy mit Motörhead noch bei Rock am Ring gesehen – und fotografiert. Sonntagabend, dieser typische Festival-Slot, in dem sich alles verdichtet: Die Zeit rennt, die Wege sind weit, die Entscheidungen müssen schnell fallen. Fast zeitgleich lief auf der Hauptbühne die Headliner-Show der Foo Fighters.

Wir haben statt der üblichen drei Songs bei den Foo Fighters, die an diesem Abend ein fast episches Konzert ablieferten, nur zwei Songs fotografiert, sind ab in den Shuttle und direkt zur anderen Bühne um pünktlich bei Motörhead zu sein. Nach den dort ebenfalls üblichen drei Songs brachte ich mein Equipment in den Hangar und ging nicht zurück zur anderen Bühne, sondern irgendwas sagte mir, guck dir Lemmy, Mikkey und Phil an. Zu den Foo Fighters kannst du anschließend noch gehen, die spielen eh länger.

Und es hat sich angefühlt wie ein Geschenk. Kein Nostalgie-Trip, kein Pflichtprogramm, keine Routine. Sondern eine Band, die genau wusste, wofür sie da ist. Und ein Lemmy, der den Raum mit diesem eigenwilligen Charisma füllte, das sich nicht erklären lässt, weil es nichts mit Posen zu tun hatte. Es war Präsenz. Punkt.

„We are Motörhead and we’re playing rock’n’roll“

Es gibt Begrüßungen, die sind nett. Und es gibt Begrüßungen, die sind ein Manifest – ohne große Worte. Lemmys erste Worte an diesem Abend waren die legendären: „We are Motörhead and we’re playing rock’n’roll“. Mehr musste nicht gesagt werden. In diesem Satz steckte alles: der schwarze Humor, die Selbstironie, die klare Ansage, dass hier keine Trends bedient werden, sondern dass Motörhead einfach Motörhead ist.

Wenn Lemmy Kilmister so einen Satz ins Mikrofon knurrte, klang das nicht wie ein Spruch, sondern wie ein Versprechen. Und danach kam genau das: Rock’n’Roll, laut, direkt, ohne Umwege. Diese spezielle Motörhead-Wucht – im musikalischen Sinn, nicht als Floskel – die dich nicht umarmt, sondern packt. Gitarren wie Kreissägen, Drums wie Maschinenraum, und darüber dieser Bass, der sich nicht unterordnet, sondern das Fundament verschiebt.

Zwischen Motörhead und Foo Fighters: Zwei Welten, ein Abend

Erst nach Motörhead bin ich zum Finale der Foo Fighters rüber. Ein anderer Sound, eine andere Dramaturgie, ein anderes Stadiongefühl. Beides groß, beides intensiv – aber auf völlig unterschiedliche Art. Foo Fighters lieferten einen epischen Headliner-Moment, wie man ihn von ihnen erwartet. Motörhead dagegen war die Essenz: keine Umwege, kein Beiwerk. Für mich war diese Reihenfolge perfekt, weil sie das ganze Spektrum zeigte, was Live-Musik leisten kann.

Und genau deshalb trifft mich die Erinnerung bis heute so hart: Ich habe Lemmy Kilmister nicht in einer späten, brüchigen Phase erlebt, sondern in einer Show, die sich stark anfühlte. Umso surrealer war dann diese Nacht im Dezember, in der plötzlich alles stillstand.

Lemmy Kilmister bleibt – in Bildern, in Sound, in Erinnerung

Zehn Jahre später merke ich, wie sehr diese Momente zählen. Nicht, weil man sich an Vergangenem festklammert, sondern weil sie zeigen, warum man Konzerte liebt, warum man fotografiert, warum man nachts noch über Parkplätze läuft, obwohl man längst müde ist. Ich bin dankbar, dass ich diese Motörhead-Show gesehen habe. Dankbar, dass ich sie fotografiert habe. Und dankbar, dass sie bis heute in mir nachhallt, wann immer ich Motörhead höre.

Lemmy Kilmister ist weg – aber dieser Funke, den er gezündet hat, ist noch da. In jeder Band, die lieber ehrlich als geschniegelt klingt. In jedem Song, der keine Erlaubnis braucht. Und in jedem Moment, in dem jemand den Verstärker aufdreht und sich denkt: Rock’n’Roll ist kein Stil. Rock’n’Roll ist eine Entscheidung.